Das legendäre Scheitern des Syd Barrett
Sein Tod Anfang Juli 2006 rückte ihn noch einmal ins Bewusstsein einer Öffentlichkeit, die ihn bereits zu Lebzeiten zur Legende stilisiert hat: Syd Barrett, Begründer, Namensgeber und musikalischer Kopf von Pink Floyd in den 1960er Jahren, anarchischer Solokünstler zwischen Genie, Wahnsinn und Drogensucht.
Es ist eine jener Legenden, bei der man sich gerade über die Beharrlichkeit und Langlebigkeit wundern kann, mit der sie das Bild eines Menschen formt und auch deformiert. Barrett selbst hat von alldem niemals etwas wissen wollen, seitdem er sich Mitte der 1970er Jahre endgültig aus dem Showbusiness verabschiedet hatte.
Just zu diesem Zeitpunkt veröffentlichte Barretts alte Band Pink Floyd ihr klassisches Album „Wish You Were Here”, dessen Titelstück ebenso wie das mehrteilige „Shine On You Crazy Diamond” eine Hommage an den einst verstoßenen Querkopf ist. Mit dem Erfolg der Schallplatte erblühte auch der Mythos, und während Pink Floyd den Weltruhm erntete, zog sich Syd Barrett in die verschrobene Fantasie seiner hartnäckigen Fans zurück, wurde buchstäblich zum Hirngespinst, von dem sporadisch berichtet wurde, das es hier und da gesichtet worden sei.
Pink Floyd: The Piper at the Gates of Dawn
Die Anfänge Pink Floyds lassen sich auf das Jahr 1966 zurück datieren. Damals setzte Syd Barrett den Bandnamen aus den Vornamen zweier Bluesmusiker – Pink Anderson und Floyd Council – zusammen. Auch in musikalischer Hinsicht gab er die Richtung vor. Die beiden Hit-Singles „Arnold Layne” und „See Emily Play” entstammen seiner Feder und machten zusammen mit ihren bereits damals multimedialen Bühnenshows Pink Floyd 1967 zur angesagtesten Underground-Band Londons. Das noch im selben Jahr erschienene Debütalbum „The Piper at the Gates of Dawn” entstand unter Barretts Regie und enthält fast ausschließlich Songs des damals Einundzwanzigjährigen. Hier herrschen neben Spacigem („Astronomy Domine”, „Interstellar Overdrive”) unverkennbar Syd Barretts schräger Humor und seine ungezügelte Fabulierlust vor.
Den vorgezeichneten Weg zum Erfolg wollte der damalige Bandleader jedoch nicht gehen. Mehr und mehr zog er sich in seine der Realität abgewandte Vorstellungswelt zurück. Zahlreiche Anekdoten aus der Zeit zeugen von einer introvertierten Versponnenheit, der die anderen Bandmitglieder nicht folgen konnten. Dass Barrett bei Konzerten auf der Bühne stand und einfach nur seine Gitarre verstimmte, statt zu spielen … Dass er bei Fernsehaufnahmen das geforderte Playback gezielt vermasselte … Dass er zu festen Terminen nicht mehr erschien …
Mit Sicherheit trug sein regelmäßiger Drogenkonsum zur offensichtlichen Desintegration bei. Wer sich fast ununterbrochen auf einem LSD-Trip befindet, ist dem gewöhnlichen Alltagsgeschehen nicht mehr gewachsen. Bei Syd Barrett zeigten sich zahlreiche Symptome eines fortschreitenden Realitätsverlusts bis hin zur völligen Unfähigkeit, den Anforderungen und Erwartungen anderer zu entsprechen. Ob die Drogenabhängigkeit allerdings Ursache des Zerfalls war oder selber bloß symptomatisch, ist niemals sicher zu entscheiden. Im Endergebnis läuft es aufs Gleiche hinaus: Syd Barrett funktionierte nicht mehr. Schon gar nicht im Gefüge einer hoffnungsvollen Londoner Nachwuchsband.
Schließlich holte man David Gilmour als fünften Mann ins Boot von Pink Floyd. Er sollte als zusätzlicher Gitarrist überhaupt wieder etwas wie einen geregelten Konzertbetrieb ermöglichen. Während Gilmour die Gitarrenarbeit übernahm, konnte Barrett auf der Bühne veranstalten, was immer er wollte. Zeitweise war es wohl auch angedacht, Barrett ganz in den Hintergrund zu verbannen, sozusagen als kreative Ideenfabrik, die den Rest der Band mit guten Songs fütterte. Wie auch immer, das wacklige Kartenhaus stürzte in sich zusammen, weil es offenbar nicht mehr zumutbar war, mit dem genialen Dilettanten gemeinsame Sache zu machen. Im Frühjahr 1968 war es dann so weit: Barrett wurde fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Zu einem gewöhnlichen Konzerttermin holte man ihn einfach nicht mehr ab. Fortan gehörte der einstige Vordenker nicht mehr zur Band.
Syd Barrett: The Madcap Laughs
Tatsächlich gibt es nicht wenige, die der Auffassung sind, mit diesem Sündenfall ende die Geschichte von Pink Floyd, da die Band schlicht und einfach ihre Seele verkauft, ihr Genie verraten habe. Rückblickend kann man sagen, dass Pink Floyd mit Syd Barrett nicht zu der Supergruppe geworden wären, zu der sie in den 1970er Jahren avancierten. Der spätere Perfektionismus, die strenge Konzeptualität, der ins Megalomane gesteigerte Bombast wären unter Mitwirkung des impulsiven Freaks mit einer Vorliebe für das abstrus Absurde nicht denkbar gewesen. Mit dem zunehmenden Einfluss des kalten Zynikers Roger Waters entwickelten Pink Floyd ihren klassischen Stil bis hin zu einem mit Effekten überladenen Stadionrock. Die Auflösung der Band 1983 erfolgte zwar wegen persönlicher Differenzen, doch ist ebenso klar, dass hier ein musikalischer Endpunkt erreicht worden war, der keine weitere Steigerung mehr zuließ.
Was geschah in der Zwischenzeit mit Syd Barrett? Schon kurz nach der Trennung von Pink Floyd befand er sich – erstaunlich genug – wieder im Aufnahmestudio, um an einem Soloalbum zu arbeiten, wenn auch vor allem auf Drängen seines Managers und seiner Plattenfirma, die sich weitere Erfolge im Sog der Floyd-Hits versprachen. Was sich gut anließ, verlief dann doch zunächst im Sande: Barrett musste sich in psychiatrische Behandlung begeben. Erst ein Jahr später wurden die Aufnahmen zu „The Madcap Laughs” fortgeführt und schließlich zum Abschluss gebracht, zum Teil mit der Hilfe seiner ehemaligen Bandkollegen David Gilmour und Roger Waters.
Das fertige Werk ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Manches wirkt unausgegoren, improvisiert, minimalistisch, vieles sprunghaft, fast stümperhaft. Es ist, wenn man so will, das genaue Gegenteil von allem, was Pink Floyd später auszeichnen sollte. Dieser Eindruck entspricht jedoch der Herangehensweise Syd Barretts, der sich oft bewusst für den ersten Aufnahme-Take eines Stückes entschied. Berichte von seiner völligen Unzulänglichkeit und Unzugänglichkeit entsprechen wohl nur der halben Wahrheit, denn das musikalische Material lässt durchaus den alten Genius aufblitzen, der es vermag, Eigenwilliges mit Eingängigkeit zu verknüpfen. Darüber täuschen auch falsche Einsätze, Verspieler, schräger Gesang und Studiogemurmel nicht hinweg.
Die sorgfältiger produzierten Stücke entpuppen sich allesamt als musikalische Perlen. Stücke wie das rockige „No Man’s Land”, das verschrobene „Octopus”, das bezaubernde „Golden Hair” nach einem Gedicht von James Joyce sowie das verträumte „Late Night”, bei dem Barrett in unnachahmlicher Manier mit dem Feuerzeug über die Saiten seiner Gitarre gleitet und dazu eine klare Zeile wie diese singt: „Inside me I feel alone and unreal.”
Allein und unwirklich. Das charakterisiert den Menschen wie den Musiker. Eigentlich grenzt es an ein Wunder, dass diesem verstörenden Solodebüt ein weiteres musikalisches Zeugnis folgte. Das mag David Gilmours Verdienst sein, der es komplett produziert hat. Und auch wenn „Barrett” – so der schlichte Titel – des öfteren als Dokument eines in Auflösung begriffenen Geistes betrachtet wird, bieten sich dem unvoreingenommenen Ohr Momente wunderbar naiver Musik und Poesie.
Insgesamt fiel das Album sogar glatter und zutraulicher aus als der Vorgänger. Die hitverdächtigen „Baby Lemonade” und „Gigolo Aunt” knüpfen an die alten Tage mit Pink Floyd an. „Dominoes” imponiert mit sanfter, fast jazziger Coolness, während „Rats” mit bissiger Aggressivität überrascht. Auf kompositorischer Höhe zeigt sich Barrett beim sentimentalen „Wined And Dined”, von seiner humoristischen Seite schließlich bei „Effervescing Elephant”.
Und das ist im Grunde der Schlusspunkt unter der musikalischen Karriere des Syd Barrett. Weitere Versuche musikalischer Betätigung führten zu nichts mehr. Erst 1988 erschien ein weiteres Album unter seinem Namen. „Opel” versammelt vor allem alternative Takes der vorigen Veröffentlichungen und sonstiges Archivmaterial aus den Jahren 1968 bis 1970. Sensationelle Neuigkeiten wurden dabei nicht entdeckt, sehr zum Leidwesen der stets auf ein Comeback hoffenden Fans.
1971 kehrte Barrett nach Cambridge ins Haus seiner Mutter zurück, wo er sich im Keller einnistete und im Laufe der Zeit regelrecht verschanzte. 1973 gab er sein letztes Interview. Mitte der siebziger Jahre gab er die Musik endgültig auf und zog sich ganz aus der Öffentlichkeit zurück. Nicht einmal Freunde empfing er mehr. Als er während der Aufnahmen zu „Wish You Were Here” überraschend im Studio auftauchte, erkannten ihn seine früheren Mitstreiter zunächst nicht einmal: aufgedunsen und kahlgeschoren, ein Zombie des einst attraktiven Jünglings. Und wirklich, die Berichte über spätere Sichtungen des Mannes, der sich nun wieder Roger Keith Barrett – so sein eigentlicher Name – nannte, gleichen Geistergeschichten, ähneln der Jagd auf ein Phantom.
Roger Keith ’Syd’ Barrett (2001)
Immer wieder versuchten Journalisten oder Fans, mit ihm in Kontakt zu treten, immer wieder blitzten sie ab, wurden entweder völlig ignoriert oder fortgejagt. Angebote aus dem Musikbusiness lehnte Syd Barrett rigoros ab. Er wurde gebeten, das erste Album der Sex Pistols zu produzieren, was angesichts seines musikalischen Anarchismus keineswegs so abwegig gewesen wäre – Barrett reagierte nicht einmal.
Noch Mitte der 1990er Jahre ignorierte er das Angebot einer Plattenfirma über £ 200000 für drei oder vier neue Songs. Von seiner musikalischen Vergangenheit wollte er längst nichts mehr wissen. Vielmehr führte er ein gewöhnliches, unscheinbares und zurückgezogenes Leben, fern aller Hysterie um jenen jungen Musiker, der sich Syd Barrett nannte.
1998 wurde bei ihm Diabetes diagnostiziert, an deren Folgen er laut Presseberichten am 7. Juli 2006 im Alter von sechzig Jahren gestorben ist. In einigen Artikeln war auch von einem Krebsleiden die Rede. Selbst um seinen Tod ranken sich Gerüchte, und so ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis das Phantom Syd Barrett erneut gesichtet und gejagt werden wird.


