Hart und sexy - Die sterbliche Hülle der Science Fiction
Einleitung
Alles begann mit einem Buch. Das ist nicht ungewöhnlich, da ich in einem gewissermaßen biblischen Kulturkreis aufgewachsen bin. Ein Buch wie eine Zeitreise. Eine Zeitreise allerdings, die mich nicht Jahrhunderte oder gar Jahrtausende in die Zukunft bzw. Vergangenheit katapultierte, sondern lediglich ein paar Jahre zurück, na gut, etwa zweieinhalb Jahrzehnte: zurück in meine Jugend.
Damals war mir nicht bewusst, dass es so etwas wie ein Hardcover gab. Als ich begann, Science Fiction zu lesen, dachte ich nicht darüber nach, und das spärliche Sortiment der Buchhandlungen, die mir zur Verfügung standen, war nicht dazu angetan, meine Überlegungen in eine solche Richtung zu stoßen. Man war ja froh, wenn man überhaupt etwas kriegte, und bei allem Lesehunger sollte es außerdem noch bezahlbar bleiben.
Heute kann ich etwas differenzierter mit der Sache umgehen, bin ich besser in der Lage, die Wertigkeit eines Buches zu schätzen. Das liegt auch daran, dass zahlreiche der heute noch für mich interessanten Bücher bloß antiquarisch zu bekommen sind. Da geschieht es mitunter, dass man ein etwas abgegriffenes Taschenbuch in der Hand hält und sich bei dem Wunsch ertappt, das Buch wäre damals in einem festen Einband erschienen.
Science Fiction als Hardcover, das ist auch heute noch ein eher seltenes und insofern besonderes Erlebnis. Science Fiction ist nach wie vor (und wenn überhaupt) klassische Taschenbuch-Lektüre. Das spricht nicht von vornherein gegen die Qualität einer Ausgabe. Es gab auf dem deutschen Markt auch Taschenbuchreihen, die wenigstens den Anschein von Sorgfalt und Gediegenheit erweckten.
Da wäre zum Beispiel Goldmann Science Fiction, die edel und modern wirkenden Bücher in blau-metallic, so erschienen in den 1980er Jahren (wie übrigens alle hier erwähnten Taschenbuchreihen). Man sollte natürlich nicht die Heyne Bibliothek der Science Fiction Literatur in feinem weißen Einband vergessen, diesen würdevollen Versuch, eine Bibliothek klassischer SF-Werke in einheitlicher Optik zu vereinen. Und schließlich ist da noch Suhrkamps Phantastische Bibliothek, deren Bände dem Leser zunächst violett, später dann tiefschwarz mit farbig abgesetzten Covern in die Hände fielen.
Den drei Taschenbuchreihen ist nicht nur gemeinsam, dass sie den deutschen SF-Markt insgesamt in den 1980er Jahren auf je eigene Weise mitgeprägt haben; sie alle haben diese achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts nicht unbeschadet überstanden (Suhrkamp) oder erst gar nicht überlebt (Goldmann, Heyne).
Ein Hauch von Luxus
Umso gewagter erscheinen die Bemühungen einzelner Verlage, Science Fiction geradezu luxuriös in Form gebundener Einzelausgaben zu veröffentlichen. Pionierarbeit leistete in dieser Hinsicht der Insel Verlag, der bereits in den frühen 1970er Jahren eine Hardcover-Reihe mit Autoren wie Stanislaw Lem, Philip K. Dick, A. und B. Strugazki, Brian W. Aldiss, Kobo Abe und Herbert W. Franke startete: Phantastische Wirklichkeit – Science Fiction der Welt. Diese Reihe erschien bereits unter der Leitung des Suhrkamp Verlags, als Herausgeber zeichnete Franz Rottensteiner, der dann auch die Phantastische Bibliothek des Hauses betreute.
Charles Platt: Gestalter der Zukunft: Illustration: Oliviero Berni
In den 1980er Jahren machte ein ganz anderer Verlag mit einem ambitionierten Projekt von sich reden: der Hohenheim Verlag mit seiner Edition SF. Im Selbstverständnis des Verlags lautete das folgendermaßen: “Die Edition SF im Hohenheim Verlag, herausgegeben von Klaus-Dietrich Petersen, will neue Maßstäbe für Science Fiction setzen. In der Edition SF erscheinen Neuerscheinungen als Originalausgaben bekannter und international anerkannter SF-Autoren, Nachdrucke klassischer SF-Romane, die viele Jahre vergriffen waren, und eine 15bändige SF-Anthologie, in der in Sammelbänden die besten und berühmtesten SF-Stories eines Jahrzehnts zusammengefaßt sind.”
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die geplante Anthologie wenigstens auf sieben Bände gekommen ist (jeweils zwei für die 1940er, 1950er, 1960er sowie einer für die 1970er Jahre), die Ausgabe der “Helliconia-Trilogie” von Brian W. Aldiss bricht nach dem ersten Band “Frühling” (immerhin eine deutsche Erstausgabe, ebenso wie “Dr. Moreau’s neue Insel” vom gleichen Autor) ab, und auch die Einzelausgaben halten sich leider in überschaubaren Grenzen. Dennoch handelt es sich bei der Edition SF um eine der schönsten und wertigsten Buchreihen auf dem Sektor der Science Fiction – im antiquarischen Buchhandel übrigens völlig unter Wert gehandelt.
Neben Romanen und Erzählungen bot die Reihe auch so interessante Sekundärliteratur an wie den Band “Gestalter der Zukunft – Science Fiction und wer sie macht” (1982) von Charles Platt, mit ausführlichen Interviews mit 28 prominenten SF-Autoren, die sich wie ein persönlich gefärbtes und bisweilen intimes “Who’s Who der Science Fiction” lesen. So weit mir bekannt ist, gab es später und bis heute keine Taschenbuchausgabe dieses sehr lesenswerten Buches.
Hendrik P. Linckens: Fremdkontakt auf Ibiza: Illustration: Bruno Stiegler
Nicht unerwähnt bleiben soll die Reihe Neue Deutsche Science Fiction des Corian Verlags – tatsächlich ein Versuch, junge deutsche SF-Autoren in den seltenen Genuß von Hardcover-Ausgaben ihrer Werke kommen zu lassen. Man höre und staune. Dieser verlegerische Mut hat dem Verlagschef Heinrich Wimmer 1984 den Kurd-Laßwiz-Preis eingebracht.
Autoren wie Michael Weisser, Andreas Brandhorst, Thomas Ziegler oder Ronald M. Hahn sind auch heute noch ein Begriff. Die einzelnen Bände zeichnen sich auch durch eine für das Genre untypische und – wie ich meine – ausgesprochen kunstvolle Umschlaggestaltung aus. Schließlich wirkt die Reihe nicht zuletzt wegen solcher Titel wie “Fremdkontakt auf Ibiza” von Hendrik P. Linckens recht exotisch zwischen all den SF-Veröffentlichungen der 1980er Jahre.
Alles in allem muss man konstatieren, dass sowohl die Edition SF des Hohenheim Verlags als auch die Reihe Neue Deutsche Science Fiction des Corian Verlags an ihrem eigenen hohen Anspruch gescheitert sind. Das beachtliche editorische Niveau beider Reihen stieß vermutlich nicht auf breite Resonanz einer möglicherweise an billige und handliche Schmöker gewöhnten Käuferschicht.
Dies mag auf den ersten Blick ein programmspezifischer Misserfolg sein, doch lässt sich bei genauerer Betrachtung ausgerechnet in den 1980er Jahren eine Krise des gesamten SF-Marktes ausmachen, die zum Zusammenbruch dessen führte, was so fröhlich und optimistisch in ein vermeintlich goldenes Jahrzehnt gestartet war: die anspruchsvolle Präsentation der Science Fiction als einer ernstzunehmenden und modernen Literatur.
Literaturhistorischer Exkurs: von 1950 bis 1980
Ein großes Manko der Science Fiction im Bewusstsein der literarischen Rezeption ist bis heute ihre fast schon wesensmäßige Hinfälligkeit: ihr vergebliches und manchmal auch lächerliches Bemühen, der Gegenwart zu enteilen, als sei das Leugnen und Vermeiden des Tatsächlichen ein Garant dafür, der Realität einen Schritt voraus zu sein. Zwar erhob ein Teil der SF-Autoren immer schon den Anspruch, anhand von Handlungsentwürfen im futuristischen Gewand – also durch verfremdete Darstellung – Gegenwartsprobleme umso deutlicher aufzuzeigen, die Frage ist aber, in wieweit eine solche Haltung das Erscheinungsbild von Science Fiction in der Öffentlichkeit prägte.
In den 1950er Jahren begannen SF-Autoren zunächst vereinzelt, später an breiter Front, ihr Interesse von Problemen der Weltraumfahrt und damit verbundener Technologie abzukehren und wieder stärker auf das konkret irdische Dasein des Menschen zu konzentrieren. Neben der psychologischen Dimension menschlicher Entwicklung entdeckte die Science Fiction zunehmend ihr satirisches Potenzial. Zwei herausragende Beispiele seien angeführt.
Philip K. Dick: Zeit aus den Fugen: Illustration: Klaus Dill
1953 erschien mit “The Space Merchants” (dt. “Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute”) von Federik Pohl und Cyril M. Kornbluth eine bitterböse Satire auf die globale Kapitalisierung der zur Konsumgesellschaft verkommenden menschlichen Zivilisation – eine Satire, die sich trotz ihres bissigen Humors in Teilen wie ein realistischer Kommentar zur heutigen Situation liest. Was die beiden Autoren vor über fünfzig Jahren als Horrorszenario karikierten, ist uns inzwischen beinahe zur stumpfen Gewohnheit geworden.
1959 erschien “Time Out of Joint” (dt. “Zeit aus den Fugen”) von Philip K. Dick, ein bis heute gültiges Lehrstück in Sachen Manipulation, Überwachung und Virtuelle Realität – und an dieser Stelle meiner Ausführungen eine beispielhafte Referenz für die Verlagerung des Interesses aus dem Weltraum zurück auf die Erde. Dick entwirft in seinem genialen Roman eine hermetische 50er-Jahre-Scheinwelt, die keinem anderen Zweck dient, als die Hauptfigur davon abzuhalten, sich ihrer entscheidenden Rolle in einem interplanetarischen Krieg bewusst zu werden. Hier existiert das Weltraumabenteuer als eine die Handlung des Romans initiierende Remineszenz (zugleich als eine Konzession an den Publikumsgeschmack der Zeit), jedoch ohne weiter ausgeführt zu werden. Stattdessen wird der Leser zusammen mit dem Helden in eine verstörend idyllische Normalität gesperrt, die schließlich gar nicht anders kann, denn als Schein entlarvt zu werden – was uns genaugenommen den metaphysischen Boden unter unseren Füßen wegzieht. Die Aktualität dieses Motivs wird übrigens durch den Film “Die Truman Show” aus dem Jahr 1998 illustriert, der zweifellos von Dicks “Zeit aus den Fugen” inspiriert wurde.
In den 1960er Jahren wurde die Science Fiction zunehmend intellektualisiert. Junge Autoren begehrten gegen traditionelle Schemata und technologische Fixierung des Genres auf, eine neue Art der Science Fiction entstand: die so genannte New Wave, als deren bedeutendste Vertreter Brian W. Aldiss, James Graham Ballard und John Brunner gelten. Neben der Sichtung neuer Themen, die weitaus konkreter an zeitgenössischen Problemen orientiert waren – z.B. Umweltverschmutzung, Medienmanipulation, Computerisierung –, ließ die New Wave die klassische Science Fiction auch stilistisch und konzeptionell hinter sich. Auch hier seien zwei Beispiele genannt.
John Brunner: Morgenwelt: Illustration: p.n.m. doMANSKI - (Gruppe d4)
1968 erschien “Stand on Zanzibar” (dt. “Morgenwelt”) von John Brunner und gilt heute als einer der wichtigsten Romane der Science Fiction. Vernachlässigt man einmal den durchweg dystopischen Entwurf einer von Kapitalismus, Kommunismus, Überbevölkerung, Drogen und Gewalt gebeutelten Welt, so sticht die collagenartige Konstruktion des Gesamtwerts hervor. Aus einer Vielzahl von Informationsfetzen, die von Werbeslogans bis zu amtlichen Verlautbarungen reichen, und kleinen, oft skizzenhaften Handlungsepisoden entsteht eine menschliche Gesellschaft, deren Zerrissenheit sich im dekonstruktiven Verfahren widerspiegelt. Hier bricht der Autor zugunsten einer suggestiven Intensität der Darstellung bewusst mit klassischen Erzähltraditionen. Von der Romanform bleibt im Grunde bloß das Etikett übrig.
“Barefoot in the Head” (1969, dt. “Barfuß im Kopf”) von Brian W. Aldiss überschreitet und erweitert die Grenzen der Science Fiction vor allem in stilistischer Hinsicht. Der in sprachlicher Hinsicht ohnehin gewandte Autor zog hier alle Register seines Könnens und führte diesen psychedelischen Roman auf ein Niveau, das immer wieder mit “Finnegans Wake” von James Joyce in Verbindung gebracht wird: eine bis zur Unlesbarkeit getriebene Sprachverdichtung, die Aldiss im übrigens nachhaltige Schmähungen von Seiten des Publikums einbrachte, woraufhin er sich zunächst von der Science Fiction zurückzog.
Die 1970er Jahre erscheinen rückblickend wie eine Konsolidierung dieser radikalen Bruchs mit den Limitierungen der Science Fiction. Einerseits erzeugte die Polarisierung von Klassik und New Wave eine Art Gegenreaktion, gewissermaßen eine Weltflucht, die aufs Neue den Weltraum zu erobern trachtete. Andererseits erfuhr die Energie der Radikalität Auflösungserscheinungen dekadenter Integration. Ehemalige Tabuthemen wurden salonfähig und gehörten bald zum Standardrepertoire, schonungslose Kritik wurde im Zuge der Verallgemeinerung entpolitisiert und somit neutralisiert: New Wave etablierte sich schließlich als massentaugliches Kulturgut. Dies war zugleich Voraussetzung für die verlegerischen Bestrebungen der ausgehenden 1970er und beginnenden 1980er Jahre, Science Fiction anspruchsvoll und ansprechend zu präsentieren, sozusagen als intellektuelle Massenware.
Vorübergehende Harmonie von Anspruch und Verkaufszahlen
Die Neugestaltung bzw. der Neuentwurf der eingangs erwähnten Taschenbuchreihen der Verlage Goldmann, Heyne und Suhrkamp basierte auf der der Annahme, dass die Science Fiction als eigenständige Literaturform sowohl von der lesenden Masse konsumiert werde als auch von der intellektuellen Kritik anerkannt sei. Aus diesem Blickwinkel lag es nahe, dem Genre ein seriöses Gewand zu verpassen, um die Assoziation reißerischer Klischees endgültig hinter sich zu lassen. Man setzte auf eine eher dezente Umschlaggestaltung, die sich farblich annähernd neutral oder zumindest geschmackvoll in das Gesamtprogramm einfügte – besonders deutlich am Beispiel der Phantastischen Bibliothek von Suhrkamp zu erkennen, wo sogar die Titelillustrationen auf ein Kleinstformat reduziert und in monochromer Tönung gehalten wurden. Aber auch der Heyne Verlag setzte zur Illustration des Umschlags weniger auf die comichafte und abgeschmackte Vorstellungswelt heroischer Action als auf kunstvolles und bis zur Abstraktion reichendes Artwork.
Eine Zeitlang sah es gewiss so aus, als sei nach den erbitterten Kämpfen der 1960er und 1970er Jahre die perfekte Balance zwischen anspruchsvoller Literatur und verkäuflicher Massenware gefunden. Doch stellte sich heraus, das dieser Höhepunkt der kultivierten Science Fiction gleichzeitig einen erneuten Niedergang einläutete. Im Untergrund brodelte längst eine weitere Revolution, die das Genre gehörig umzukrempeln drohte, da sie radikal auch mit der neu gefundenen Harmonie brach: der Cyberpunk.
Sieht man sich das Programm der von mir zuvor gelobten Edition SF des Hohenheim Verlags noch einmal genauer an, wird schnell klar, dass hier der Anschluss an die zur damaligen Zeit avantgardistischen Strömungen innerhalb der Science Fiction gründlich versäumt wurde. Die Liste der Autoren wie Brian W. Aldiss, John Brunner, Robert Sheckley, Clifford D. Simak liest sich durchaus wie die Speisekarte eines Nobelrestaurants: verdienstvoll, aber nicht spektakulär. Die einstige Avantgarde hatte ihren Beitrag zur Entwicklung der Science Fiction bereits geleistet, und so umgibt die Auswahl der Veröffentlichungen in der Edition SF ein leicht nostalgischer Schimmer, der zudem noch in einem Namen wie Lyon Spraque De Camp kulminiert – im Namen eines Autors der nun weiß Gott nicht als exemplarischer SF-Autor gelten kann, sondern vor allem als Macher jener durchaus zweifelhaften Fantasy-Serie um den Barbaren Conan (der allerdings von Robert E. Howard erfunden wurde) in Erinnerung geblieben ist. So lässt sich rückblickend die Edition SF als eine insgesamt eher konservative und wenig innovative Unternehmung klassifizieren, als ehrgeiziger, aber kraftlos schöner Versuch, eine viel zu klassisch anmutende SF-Reihe auf einem Markt einzuführen, der gerade dabei war, in seine Bestandteile zu zerfallen.
Exkurs: Cyberpunk ab 1980 oder Der Blade Runner in jedem von uns
Philip K. Dick: Blade Runner: Illustration: Klaus Dill
“Träumen Androiden von elektrischen Schafen? (org. “Do Androids Dream of Electric Sheep?”, 1968) ist ein Roman, der sich nicht nennenswert aus der Masse der guten Bücher Philip K. Dicks abhebt. Der thematische Konflikt von Mensch und Android, der sich zu einem inneren Konflikt des Menschen auswächst, ist allerdings in eine für Dicks Verhältnisse actionreiche Handlung eingebettet, die es ermöglichte, den Roman für den Film zu entdecken. Dies geschah mit der Verfilmung des Stoffs durch Ridley Scott (“Alien”) unter dem Titel “Blade Runner”. Während der Film sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik eher mäßigen Erfolg einheimste, wurde er wegweisend für das zunächst literarische Subgenre des Cyberpunk.
Der Cyberpunk tritt atmosphärisch als technologisch durchgestylte, zugleich kriminell verseuchte, in Schmutz, Überbevölkerung und Gewalt versumpfende Welt auf den Plan. Das erinnert zunächst an die dystopische Verzerrung, wie John Brunner sie bereits 1968 in “Stand on Zanzibar” geschildert hat. Allerdings geht der Cyberpunk noch einen Schritt weiter. Während Brunners Werk sich noch klar als Zeitkritik zu erkennen gibt, betreiben die Autoren des Cyberpunk ein Spiel mit dem Zerfall der Gesellschaft. Metropolisierung der Städte, Technisierung der Kommunikation, Anonymisierung der Menschen und Kriminalisierung der Macht bilden die Bausteine einer in ihrer sprachlichen wie bildlichen Ausgestaltung oft an Comics gemahnenden Literatur, deren Nähe zur szenischen Action eine filmische Umsetzung geradezu heraufbeschwor.
Allerdings ist der filmische Cyberpunk – abgesehen von Vorläufern wie “Blade Runner” – erst in den 1990er Jahren anzusiedeln. Mit “Vernetzt – Johnny Mnemonic” (1995) verfilmte Robert Longo eine frühe Erzählung des wichtigsten Cyberpunk-Autoren William Gibson, die bereits aus dem Jahr 1981 stammt, also noch lange vor dem Cyberpunk-Kultroman “Neuromancer” (1984) erschien.
Mit dem einsetzenden Boom des Cyberpunk Mitte der 1980er Jahre bildete sich zugleich der Markt für die als klassisch etablierte Science Fiction zurück. Die Errungenschaften der frühen achtziger Jahre auf dem editorischen Sektor, welche die Science Fiction als seriöse Literaturform kennzeichneten, liefen nun ins Leere und konnten sich gegen die aktueller und unmittelbarer erscheinende Kraft des Cyberpunk nicht behaupten. Im Gegenteil, die beginnenden neunziger Jahre brachten eine Wiederauferstehung und Repopularisierung des Brachialcomics auf der einen und des Pulpthrillers auf der anderenn Seite mit sich, während die Science Fiction seitdem ein regelrechtes Nischendasein fristet.
Letzte editorische Zuckungen
Kurd Laßwitz: Auf zwei Planeten: Illustration: Thomas Thiemeyer
In ihrer Nische besann sich die Science Fiction eher auf bisher Erreichtes als auf die Eroberung neuen Terrains. Davon zeugen auch vereinzelte Bemühungen der Verlage, noch einmal kleine Serien oder Werkausgaben in anspruchsvolleren Editionen als Hardcover aufzulegen, also von vornherein für einen eingeschränkten Leserkreis. Auch hier seien Beispiele genannt.
Der Heyne Verlag, mit Sicherheit ein Schwergewicht in Sachen Science Fiction, warf unter der Leitung des Herausgeber-Urgesteins Wolfgang Jeschke (der inzwischen zu einem der erfolgreichsten deutschen SF-Autoren avanciert ist) eine Hardcover-Reihe in Taschenbuchformat auf den Markt – ein engagierter Kompromiss, dessen Programmauswahl noch einmal die Kompetenz und Kenntnis des Herausgebers aufblitzen ließ, allerdings in ihrer Streuung ein wenig ans verzweifelte Schrotflintenprinzip erinnert: die Reihe High 8000. Immerhin erfordert es ein gewisses Maß an Mut, einen Klassiker wie “Auf zwei Planeten” von Kurd Laßwitz aus dem Jahr 1897 zusammen mit den verstörenden Horrorvisionen eines John Brunner in einer Reihe unterzubringen. Der Versuch war wohl auch nicht von kommerziellem Erfolg gekrönt, und die Reihe floss dann einigermaßen unspektakulär in die bereits ebenfalls zum Teil schon wieder verschwundene Taschenbuchreihe Meisterwerke der Science Fiction ein.
Philip K. Dick: Die drei Stigmata des Palmer Eldritch: Illustration: Klaus Dill
Einen echten Kraftakt unternahm in den 1990er Jahren der Züricher Haffmans Verlag: eine exzellent aufbereitete Hardcover-Edition der Werke Philip K. Dicks, die die kompletten Kurzgeschichten des Autors in zehn Bänden sowie eine Auswahl seiner Romane umfassen sollte – eine Unternehmung, die so ambitioniert wie Erfolg versprechend war. Mit Philip K. Dick hatte man sich für einen Autor entschieden, der auf der Schwelle von der klassischen Science Fiction zur einflussreichen Avantgarde der 1960er Jahre stand. Zahlreiche Werke Dicks wurden inzwischen verfilmt, teilweise so wegweisend wie “Blade Runner” (1982), basierend auf “Träumen Androiden von elektrischen Schafen?” (1968), teilweise so spektakulär wie “Total Recall” (1990) mit Arnold Schwarzenegger, basierend auf der Kurzgeschichte “We Can Remember It for You Wholesale” (1966) oder zuletzt “Minority Report” (2002) von Steven Spielberg, basierend auf “The Minority Report” (1956). Letztlich aber überlebte der Haffmans Verlag den Konkurrenzkampf der Verlagsszene und die damit verbundenen wirtschaftlichen Nöte nicht.
Bis zum Konkurs 2001 vollendete Gert Haffmans immerhin das Projekt der zehnbändigen Ausgabe sämtlicher Stories von Philip K. Dick. Außerdem erschienen vier Romane, von denen einer (“Die kaputte Kugel”) jedoch nicht der Science Fiction des Autors zuzurechnen ist. Alle Bände zeichnen sich durch eine sorgfältige Herausgabe und eine ebenso moderne wie zeitlos wertige Gestaltung aus – sicherlich eine der bedeutendsten Editionen der deutschen SF-Verlagsszenee, und es ist wohl kein Zufall, dass einige Bände der Ausgabe heute zu Höchstpreisen gehandelt werden.
Brian W. Aldiss: Barfuß im Kopf: Illustration: Allgrafia
Als ein letzter großer und vor allem noch existierender editorischer Fels in der Brandung bringt die Edition Phantasia Jahr für Jahr hochwertige, durchaus bibliophil zu nennende Buchausgaben klassischer, interessanter oder einfach abgefahrener Werke der Fantastischen Literatur teils in sammelwürdigen Kleinstauflagen von 100 bis 250 Stück, inzwischen aber auch als Paperback zu erschwinglicheren Preisen auf den Markt und hoffentlich auch unter die Leser. Klangvolle Namen wie Aldiss, Ballard, Dick, Le Guin, Delany garantieren höchstes literarisches Niveau, während die Gestaltung der Bände eine Kunst für sich darstellt.
Eine der waghalsigsten Unternehmungen der Verlagsgeschichte – manchmal auch als verlegerischer Selbstmord bezeichnet – ist die Herausgabe der “Gesammelten Werke in zehn Bänden” des deutschen Fantasten Paul Scheerbart – fast schon selber eine Utopie. Den mutigen Verlegern Joachim Körber und Ulrich Kohnle ist zu wünschen, dass sie die 300 Exemplare der Ausgabe komplett absetzen können. Neulich erwarb ich direkt vom Verlag ein Exemplar von Aldiss’ “Barfuß im Kopf” – man stelle sich vor: es stammt aus der 250 Exemplare umfassenden Auflage von 1988! Da mutet es beinahe wie ein Wunder an, dass andere, weitaus unbekanntere Bände der Edition Phantasia tatsächlich schon vergriffen sind.
Ausblick
Eigentlich habe ich diesen Artikel begonnen, um ganz unverbindlich ein paar Hardcover-Editionen innerhalb der Science Fiction aus der Flut von Ausgaben hervorzuheben. Science Fictionn als Hardcover ist nach wie vor etwas Ungewöhnliches, etwas womöglich – das ist die Frage – wesensmäßig Unvereinbares. Bis auf wenige Ausnahmen hat sich die Science Fiction niemals wirklich von ihrem Ruf befreien können, breitenwirksame Ramschliteratur zu sein. Wie sollte dieser Ruf zum gediegenen Hardcover passen?
Nun, es gibt – wie beschrieben – einige beispielhafte Versuche, die jedoch meist auf einer ökonomischen Ebene zum Scheitern verurteilt waren. Zudem habe ich Sonderausgaben von Buchclubs (z.B. die Edition Rencontre, Lausanne) ausgelassen, weil sie nur bedingt der Öffentlichkeit vermittelt wurden und es sich dabei in der Regel um wenig eigenständige Lizenzausgaben handelt. So stellt sich die Suche nach der gelungenen Ausgabe eines SF-Werks, die Suche also nach dem perfekten Buch, überwiegend als ein Irrweg durch die Antiquariate – real oder virtuell – dar.
Das verleiht der Science Fiction in meinen Augen eine besondere Note, die wiederum auf das nostalgische Wesen dieser Art von Literatur verweist. Es ist seltsam, die Werke von Autoren, deren Blick dem Verständnis von Science Fiction entsprechend in die Zukunft gerichtet sein soll, in schummrigen Ecken kleiner, versteckter Buchläden suchen zu müssen – daran ändert nicht einmal die zeitgenössische Tatsache etwas, dass diese Suche zunehmend über das Internet erfolgt. Und so liegt über der Lektüre einschlägiger Zukunftsromane der verzaubernde Staub einer zwischen den Zeilen verträumten Jugend.